Am 11. April 2026 mit Fiona & Jacques Thienpont auf Burg Reichenstein
Fotos: Guido Bittner, Wiesbaden
Die Anfänge von Le Pin
Meine erste Begegnung mit diesem Wein hatte ich im Sommer 1982, als ich den belgischen Weinhändler Gérard Thienpont in Etikhove besuchte, um meine reservierten Bordeauxweine des Jahrganges 1979 abzuholen. Vor dem Mittagessen bat mich der freundliche ältere Herr zu einer kleinen Blindverkostung in die Bibliothek: Auf dem Tisch standen drei sorgsam mit Aluminiumfolie verhüllte Bordeauxflaschen. „Sagen Sie mir bitte, welcher der Weine Ihnen am besten gefällt, Monsieur Diel. Es handelt sich um Weine aus dem Jahrgang 1979.“ Ich schnupperte an den Gläsern, verkostete die Weine und getreu der alten Regel, dass der erste Eindruck meist der richtige ist, verkündete ich meine Wahl: „In Glas Nummer Drei ist mein Favorit, in Glas Nummer Eins der Zweitbeste und in Glas Nummer 2 der Schwächste!“
Gérard Thienpont lächelte verschmitzt und enthüllte die Flaschen. Auf Rang drei hatte ich Vieux Château Certan gepunktet, jenes traditionsreiche, seit 1924 im Besitz der Familie Thienpont befindliche Pomerol-Gut, dessen Flaschen man gewöhnlich an der originellen, rosafarbigen Kapsel erkennt. Auf dem zweiten Platz stand Château Pétrus, das vielleicht berühmteste aller Bordeaux-Weingüter, welches ich einige Jahre zuvor erstmals besichtigen durfte, dort zu meiner Enttäuschung aber nicht einen Schluck zu Verkosten bekam. Das Etikett des Siegers hatte ich noch nie zuvor gesehen: Le Pin! „Das ist ein kleines Weingut in Pomerol, das meinem Neffen Jacques und mir gehört,“ erläuterte Gérard Thienpont. 1979 sei der erste Jahrgang.
In Pomerol suchte ich in den folgenden Jahren vergeblich nach einem Hinweisschild, das den Weg zu einem Weingut namens Le Pin hätte weisen können. Erst die detaillierten Erläuterungen von Alexandre Thienpont, seit 1985 Verwalter von Vieux Château Certan, der sich seitdem nebenher auch um die Weinberge von Le Pin kümmert, führten mich zu einem kleinen, von Pinienbäumen umgebenen Häuschen, in dessen Schuppen brandneue Eichenfässer lagerten. Ich kostete den Jahrgang 1982 und war schlichtweg von den Socken – der Wein schmeckte großartig! Anfangs umfasste die Rebfläche gerade einmal 10.600 Quadratmeter. Nach Zukäufen von Nachbarparzellen in den 1980er und 1990er Jahren verdoppelte sich das Areal auf gut zwei Hektar. Im Jahr 2011 wurde das futuristisch anmutende neue Kellereigebäude von Le Pin in Betrieb genommen, das die belgischen Architekten Robbrecht & Daem geplant hatten.
Der kometenhafte Aufstieg zum gefeierten Kultwein
Kein Bordeaux-Wein hat in den letzten vier Jahrzehnten einen rasanteren Aufstieg erlebt als Le Pin. Der anfangs auch von Journalisten kaum beachtete Jahrgang 1982er kostete en primeur gerade einmal 70 Francs, was heute umgerechnet 13 Euro entspricht. In Hongkong wird dieser inzwischen zu sagenhaftem Ruf gekommene Wein aus Pomerol zu zehntausend Euro pro Flasche gehandelt.
Dieser phänomenale Erfolg begründet sich zum einen in der unverkennbaren Qualität des Weines, zum anderen an dem knappen Angebot. Während vom berühmten Nachbarn Pétrus um 30.000 Flaschen pro Jahr auf den Markt gelangen, gab es von Le Pin nie mehr als 10.000 Flaschen. Dies hat auch mit der rigorosen Selektionspolitik von Inhaber Jacques Thienpont und dessen Neffen Alexandre zu tun, Letzterer kümmert sich vor Ort um die Weinbergsarbeit von Le Pin. Von den Jahrgängen 2003 und 2013 gab es beispielsweise nicht eine einzige Flasche, weil die Eigentümer von der Qualität der Weine nicht überzeugt waren. Anstatt einen kleinen Le Pin abzufüllen, wanderte die jeweilige Gesamtmenge in einen Zweitwein namens Trilogie, in dem die abgestuften Fässer von drei Jahrgängen vereint werden, denn die Thienponts deklassieren praktisch jedes Jahr einen Teil der Ernte.
Der internationale Durchbruch gelang Le Pin im Jahr 1995. Der Spitzenkoch Dieter Kaufmann hatte zu einer ungewöhnlichen Verkostung in sein Restaurant „Zur Traube“ nach Grevenbroich am Niederrhein geladen. Auf dem Tisch standen dreizehn Jahrgänge von Le Pin und Pétrus, die einer Fachjury bestehend aus Gastronomen, Sommeliers und Journalisten jahrgangsweise blind serviert wurden, zunächst die vermeintlich schwächeren Jahrgänge, danach die erfahrunggemäß besseren. Die Juroren waren dazu aufgerufen, sich für jeweils einen Rundensieger zu entscheiden. Das Ergebnis kam einem Erdrutschsieg für den damaligen „David“ Le Pin gleich, der neun Mal zum Jahrgangssieger erklärt wurde, während „Goliath“ Pétrus nur vier Mal besser abschnitt. Berichte über diesen spektakulären Erfolg von Le Pin wurden unter anderem im amerikanischen Wine Spectator veröffentlicht und verfehlten ihre Wirkung nicht. Der kometenhafte Aufstieg von Le Pin von einem „Vin de Garage“ zum gefeierten Kultwein hatte gerade erst begonnen.
Verkostungsnotizen von Armin Diel
1986 Le Pin Pomerol
Es wurden 7.700 Flaschen und 180 Magnums abgefüllt. Kräftiges Purpurrot mit deutlichem Orangerand; würziges Bukett, Brombeere, Veilchen und Sandelholz, etwas Zimt; wirkt fast etwas burgundisch im Stil, Kräuternote, ein Hauch von schwarzem Trüffel, bestens eingebundene Tannine, gradliniges Fruchtspiel, würziger Nachhall. Bester Trinkzeitraum bis 2030, 93 Punkte
1988 Le Pin Pomerol
Es wurden 5.140 Flaschen und 174 Magnums abgefüllt. Mittleres Purpurrot mit breitem Orangerand; feiner Duft von Preiselbeere und geröstete Mandeln; beste Tanninstruktur, obschon dieser Wein stets im Schatten der beiden Folgejahrgänge stand, zeichnet er sich durch feine Frucht und nachhaltige Eleganz aus. Bester Trinkzeitraum bis 2035, 95 Punkte
1990 Le Pin Pomerol
Lesebeginn 20. September. Es wurden 7.600 Flaschen und 225 Magnums abgefüllt. Kräftiges Purpurrot mit zartem Orangerand; generöser Duft von Schwarzkirsche, Crème de Cassis und frisch gemahlenen Kaffeebohnen, krautige Frische; wird gern mit dem 1982er verglichen, ist aber weitaus eleganter in der Struktur, fein eingebundene Tannine, belebender Nachhall. Bester Trinkzeitraum bis 2040, 95 Punkte
1995 Le Pin Pomerol
Lesebeginn am 18. September. Es wurden 8.025 Flaschen und 328 Magnums abgefüllt. Gut gedecktes Purpurrot mit zartem Orangerand; duftet nach Schwarzkirsche, Schokolade und gerösteten Mandeln, eine Spur von Kräutern der Provence; kompakte Frucht, animierende Tanninstruktur, belebender Nachhall. Weit weniger opulent als sonst in großen Jahren. Bester Trinkzeitraum bis 2040, 96 Punkte
1996 Le Pin Pomerol
Lesebeginn am 26. September. Es wurden 3.980 Flaschen und 193 Magnums abgefüllt. Kräftiges Purpurrot mit zartem Orangerand; exotisch anmutendes Bukett, duftet nach Schwarzkirsche, Preiselbeere und Cassis, auch etwas Safran und Zimt; eindrucksvoller Körper, perfekte Tanninstruktur, großartiger Nachhall. Bester Trinkzeitraum von 2030 bis 2040, 98 Punkte
1998 Le Pin Pomerol
Lesebeginn am 21. September. Es wurden 4.712 Flaschen und 195 Magnums abgefüllt. Exotisch anmutendes Bukett, duftet eindrucksvoll nach Veilchen, Schwarzkirsche, Preiselbeere und Cassis, rund und voll, sensationelle Harmonie, super eleganter Nachhall. Inkarnation eines großen Pomerols! Bester Trinkzeitraum von 2030 bis 2040. 98–100 Punkte
2000 Le Pin Pomerol
Es wurden 5.687 Flaschen und 274 Magnums abgefüllt. Purpurviolette Farbe mit zartem Orangerand; rauchige Cassisnote im Duft, Vanille und Sandelholz, viel Schwarzkirsche; sehr präsente Frucht mit seidigen Tanninen, großartige Symbiose von Fülle und Finesse, eleganter Nachhall. Großartiger Pomerol! Bester Trinkzeitraum 2030 bis 2045, 100 Punkte
2005 Le Pin Pomerol
Es wurden 6.600 Flaschen und 340 Magnums abgefüllt. Sattes Dunkelrot mit violetten Tönen; im Duft die für Le Pin typische satte Cassisnote, begleitet von reifer Himbeere, etwas Kokosnuss und Pflaume; schmelzige Fruchtfülle, feine Tanninstruktur, Note von gerösteten Kräutern und einem Hauch von Safran, edler Nachhall. Bester Trinkzeitraum von 2030 bis 2045. 98 -100 Punkte
2006 Le Pin Pomerol
Es wurden 5420 Flaschen und 340 Magnums abgefüllt. Sattes Dunkelrot mit violetten Tönen und einem Hauch von Gelbrand; duftet nach Haselnussschokolade, Veilchen, Flieder und Cassis; überwältigende Fruchtfülle, anklingende Süße, feinwürzige Note, die markanten Tannine verschwinden förmlich im saftigen Körper, satter Nachhall. Bester Trinkzeitraum bis 2030 bis 2045, 96 Punkte
2009 Le Pin Pomerol
Es wurden 5.882 Flaschen und 310 Magnums abgefüllt. Tiefdunkles Rot mit Lilatönen; überwältigendes Fruchtbukett, eine likörartige Mixtur hochreifer roter und schwarzer Früchte, dominiert von Cassis und Schwarzkirsche; ein mächtiger Wein, die opulente Fruchtsüße wird seidig begleitet von reifen Tanninen, endlos wirkender Nachhall. Ein absolutes Prachtstück! Bester Trinkzeitraum von 2030 bis 2050, 100 Punkte
2010 Le Pin Pomerol
Es wurden 5.035 Flaschen und 234 Magnums abgefüllt. Tiefdunkles Rot mit Lilatönen; erneut ein überwältigendes Bukett, geprägt von Schwarzkirsche, Haselnussschokolade und Schwarzer Johannisbeere; noch eine Spur mächtiger als der Vorgänger, unerhörte Brombeerfülle, edle Vanillenote, exotische Anklänge, süßliche Länge ohne Ende. Geht es besser? Bester Trinkzeitraum von 2030 bis 2045, 100 Punkte
2015 Le Pin Pomerol
Lesebeginn 17. September. Es wurden 5.508 Flaschen und 280 Magnums abgefüllt. Tiefdunkles Lilarot; überaus delikates Bukett mit viel Haselnussschokolade, Schwarzkirsche und der für Le Pin geradezu archetypischen schwarzen Johannisbeere; cremig-elegante Fruchtfülle, die von der Süße nicht ganz an 2009 und 2010 herankommt, was kein Nachteil sein muss. Wundervoller Nachhall. Bester Trinkzeitraum von 2035 bis 2050. 98-100 Punkte
2016 Le Pin Pomerol
Lesebeginn 4. Oktober. Es wurden 5.676 Flaschen und 298 Magnums abgefüllt. Gut gedecktes Dunkelrot mit Lilareflexen; beeindruckendes Bukett dominiert von Schwarzkirsche, Tabak und Cassis, feine Kräuternoten; geschmeidige Fruchtfülle, seriöse, perfekt eingebundene Tannine, bestes Entwicklungspotenzial, ein sicherer Wert, feinste Rasse im Nachhall. Bester Trinkzeitraum von 2030 bis 2045. 98 Punkte
2019 Le Pin Pomerol
Lesebeginn 23. September. Es wurden 4.505 Flaschen und 372 Magnums abgefüllt. Dunkelrote bis schwarze Farbe, intensiver Brombeerduft, changiert mit Schwarzkirsche und Malz, saftiger Körper, würzige Tannine im Abklang, braucht noch Entwicklungszeit. Bester Trinkzeitraum 2035 bis 2050. 97 Punkte
2020 Le Pin Pomerol
Lesebeginn 14. September. Es wurden 3.499 Flaschen und 297 Magnums abgefüllt. Tiefdunkle, fast undurchsichtige Farbe, minzige Schokoladenote im Duft, opulente Cassissüße, breitschultriger Typus, hat Saft und Kraft, enorm belebender Nachhall. Bester Trinkzeitraum von 2040 bis 2050, 100 Punkte
Bisherige Le Pin Verkostungen in Deutschland
April 2022 Golfhotel Stromberg
Le Pin 12 Jahrgänge des 21. Jahrhunderts
März 2016 Hotel Kronenschlößchen
im Rahmen desRheingau Gourmet-Festivals
zum 20. Jubiläum Le Pin 20 Jahrgänge
März 2010 Hotel Kronenschlößchen
im Rahmen des Rheingau Gourmet-Festivals
Le Pin versus Pétrus 9 Jahrgänge
August 2008 Schlossgut Diel auf Burg Layen
Le Pin 10 Jahrgänge von 1995–2005
April 2004 Schlossgut Diel auf Burg Layen
Le Pin 10 Jahrgänge der 1980er Jahre
August 2002 Johann Lafers Stromburg
Le Pin 10 Jahrgänge der 1990er Jahre
September 1995 Hotel Zur Traube Grevenbroich
Le Pin versus Pétrus 13 Jahrgänge









































































