Große Vertikalverkostung
2000 – 2004 – 2005 – 2006 – 2007 – 2009 – 2010 – 2011 – 2015 – 2016 – 2017 – 2018
In Anwesenheit von Alexandre Thienpont
Moderation Armin Diel
Land & Golf Hotel Stromberg
9. April 2022
Der Aufstieg zum gefeierten Kultwein
Kein Bordeaux-Wein hat in den letzten vier Jahrzehnten einen rasanteren Aufstieg erlebt als Le Pin. Der anfangs auch von Journalisten kaum beachtete Jahrgang 1982er kostete en primeur gerade einmal 70 Francs, was heute umgerechnet 13 Euro entspricht. In Hongkong wird dieser inzwischen zu sagenhaftem Ruf gekommene Wein aus Pomerol zu zehntausend Euro pro Flasche gehandelt.
Dieser phänomenale Erfolg begründet sich zum einen in der unverkennbaren Qualität des Weines, zum anderen an dem knappen Angebot. Während vom berühmten Nachbarn Pétrus um 30.000 Flaschen pro Jahr auf den Markt gelangen, gab es von Le Pin nie mehr als 10.000 Flaschen. Dies hat auch mit der rigorosen Selektionspolitik von Inhaber Jacques Thienpont und dessen Neffen Alexandre zu tun, Letzterer kümmert sich vor Ort um die Weinbergsarbeit von Le Pin. Von den Jahrgängen 2003 und 2013 gab es beispielsweise nicht eine einzige Flasche, weil die Eigentümer von der Qualität der Weine nicht überzeugt waren. Anstatt einen kleinen Le Pin abzufüllen, wanderte die jeweilige Gesamtmenge in einen Zweitwein namens Trilogie, in dem die abgestuften Fässer von drei Jahrgängen vereint werden, denn die Thienponts deklassieren praktisch jedes Jahr einen Teil der Ernte.
Der internationale Durchbruch gelang Le Pin im Jahr 1995. Der Spitzenkoch Dieter Kaufmann hatte zu einer ungewöhnlichen Verkostung in sein Restaurant „Zur Traube“ nach Grevenbroich am Niederrhein geladen. Auf dem Tisch standen dreizehn Jahrgänge von Le Pin und Pétrus, die einer Fachjury bestehend aus Gastronomen, Sommeliers und Journalisten jahrgangsweise blind serviert wurden, zunächst die vermeintlich schwächeren Jahrgänge, danach die erfahrunggemäß besseren. Die Juroren waren dazu aufgerufen, sich für jeweils einen Rundensieger zu entscheiden. Das Ergebnis kam einem Erdrutschsieg für den damaligen „David“ Le Pin gleich, der neun Mal zum Jahrgangssieger erklärt wurde, während „Goliath“ Pétrus nur vier Mal besser abschnitt. Berichte über diesen spektakulären Erfolg von Le Pin wurden unter anderem im amerikanischen Wine Spectator veröffentlicht und verfehlten ihre Wirkung nicht. Der kometenhafte Aufstieg von Le Pin von einem „Vin de Garage“ zum gefeierten Kultwein hatte gerade erst begonnen.
Le Pin 2018

Abgefüllt wurden 4.505 Flaschen und 372 Magnums
Ein sehr warmes und sonniges Jahr! Überwältigende Cassisnote im Duft gepaart mit Schwarzkirsche und einem Hauch von Paprika, Leder und Zimt; charaktervoller, etwas hitzig anmutender Körper, saftige Frucht, weist ein enormes Potenzial auf, könnte zu den besten Weinen des Gutes aufschließen. 98 Punkte
Le Pin 2017

Abgefüllt wurden 4.339 Flaschen und 441 Magnums
Ein Drittel der Weinberge in Pomerol war stark von Frost betroffen, ein Drittel recht stark, aber Vieux Certan blieb davon völlig verschont. Kräftiges Dunkelrot; duftet nach Cassis und Räucherspeck; belebende Frucht, eleganter Körper, feinherbe Note, würziger Nachhall. 95 Punkte
Le Pin 2016

Abgefüllt wurden 5.676 Flaschen und 298 Magnums
Gut gedecktes Dunkelrot mit Lilareflexen; beeindruckendes Bukett dominiert von Schwarzkirsche, Tabak und Cassis, feine Kräuternoten; geschmeidige Fruchtfülle, seriöse, perfekt eingebundene Tannine, bestes Entwicklungspotenzial, ein sicherer Wert, feine Rasse im Nachhall. 98 Punkte
Le Pin 2015

Abgefüllt wurden 5.508 Flaschen und 280 Magnums
Tiefdunkles Lilarot; überaus delikates Bukett mit viel Haselnussschokolade, Schwarzkirsche und der für Le Pin geradezu archetypischen schwarzen Johannisbeere; cremig-elegante Fruchtfülle, die von der Süße nicht ganz an 2009 und 2010 herankommt, was kein Nachteil sein muss. Wundervoller Nachhall. 100 Punkte
Le Pin 2011

Abgefüllt wurden 5.450 Flaschen und 287 Magnums
Gut gedecktes Dunkelrot mit Lilatönen; fein strukturiertes Bukett, wieder geprägt von Cassis, Schwarzkirsche und etwas Veilchen; eleganter Körper, seidige Fruchtstruktur, filigrane Art, wieder ein verblüffend guter Le Pin in einem eher mittelmäßigen Jahr, pikanter Nachhall. 94 Punkte
Le Pin 2010

Abgefüllt wurden 5.035 Flaschen und 234 Magnums
Tiefdunkles Rot mit Lilatönen; erneut ein überwältigendes Bukett, geprägt von Schwarzkirsche, Haselnussschokolade und schwarzer Johannisbeere; noch eine Spur mächtiger als der Vorgänger, edle Vanillenote, exotische Anklänge, süßliche Länge ohne Ende. Geht es besser? 100 Punkte
Le Pin 2009

Abgefüllt wurden 5.882 Flaschen und 310 Magnums
Tiefdunkles Rot mit Lilatönen; überwältigendes Fruchtbukett, eine likörartige Mixtur hochreifer roter und schwarzer Früchte, dominiert von Cassis und Schwarzkirsche; ein mächtiger Wein, die opulente Fruchtsüße wird seidig begleitet von reifen Tanninen, endlos wirkender Nachhall. Ein absolutes Prachtstück! 100 Punkte
Le Pin 2007

Abgefüllt wurden 7.200 Flaschen und 360 Magnums
Kräftiges Dunkelrot mit violetten Einsprengseln; recht geöffnetes Bukett, Cassis, Veilchen, Flieder und etwas Sandelholz; mittlere Fruchtfülle, ein Hauch von Schwarzkirsche, gerösteter Kräuter und Karamell, gut eingebundene Tannine, würziger Nachhall. 94 Punkte
Le Pin 2006

Abgefüllt wurden 5.420 Flaschen und 340 Magnums
Sattes Dunkelrot mit violetten Tönen und einem Hauch von Gelbrand; duftet nach Haselnussschokolade, Veilchen, Flieder und Cassis; überwältigende Fruchtfülle, anklingende Süße, feinwürzige Note, die Tannine verschwinden förmlich im saftigen Körper, satter Nachhall. 96 Punkte
Le Pin 2005

Abgefüllt wurden 5.900 Flaschen 350 Magnums
Sattes Dunkelrot mit violetten Tönen; im Duft die für Le Pin typische satte Cassisnote, begleitet von reifer Himbeere, etwas Kokosnuss und Pflaume; schmelzige Fruchtfülle, geprägt von schwarzer Kirsche, Note, von gerösteten Kräutern und einem Hauch von Safran, edler Nachhall. 98 Punkte
Le Pin 2004

Abgefüllt wurden 8.800 Flaschen und 300 Magnums
Durchgängiges Dunkelrot; erneut ein vielversprechendes Bukett, schwarze Johannisbeere, Himbeere und etwas Granatapfel; geöffnete Frucht, bestens eingebundene Tannine, feinherber Nachhall. Ein weiterer gelungener Le Pin in einem mäßig reputierten Jahrgang. 94 Punkte
Le Pin 2000

Abgefüllt wurden 5.687 Flaschen und 274 Magnums
Purpurviolette Farbe ohne jeden Orangerand; rauchige Cassisnote im Duft, Vanille und Sandelholz, viel Schwarzkirsche; sehr präsente Frucht mit seidigen Tanninen, großartige Symbiose von Fülle und Finesse, eleganter Nachhall. Für Le Pin ein sehr ernsthafter Wein! 100 Punkte
Die Anfänge von Le Pin
Meine erste Begegnung mit diesem Wein hatte ich im Sommer 1982, als ich den belgischen Weinhändler Gérard Thienpont in Etikhove besuchte, um meine reservierten Bordeauxweine des Jahrganges 1979 abzuholen. Vor dem Mittagessen bat mich der freundliche ältere Herr zu einer kleinen Blindverkostung in die Bibliothek: Auf dem Tisch standen drei sorgsam mit Aluminiumfolie verhüllte Bordeauxflaschen. „Sagen Sie mir bitte, welcher der Weine Ihnen am besten gefällt, Monsieur Diel. Es handelt sich um Weine aus dem Jahrgang 1979.“ Ich schnupperte an den Gläsern, verkostete die Weine und getreu der alten Regel, dass der erste Eindruck meist der richtige ist, verkündete ich meine Wahl: „In Glas Nummer Drei ist mein Favorit, in Glas Nummer Eins der Zweitbeste und in Glas Nummer 2 der Schwächste!“
Gérard Thienpont lächelte verschmitzt und enthüllte die Flaschen. Auf Rang drei hatte ich Vieux Château Certan gepunktet, jenes traditionsreiche, seit 1924 im Besitz der Familie Thienpont befindliche Pomerol-Gut, dessen Flaschen man gewöhnlich an der originellen, rosafarbigen Kapsel erkennt. Auf dem zweiten Platz stand Château Pétrus, das vielleicht berühmteste aller Bordeaux-Weingüter, welches ich einige Jahre zuvor erstmals besichtigen durfte, dort zu meiner Enttäuschung aber nicht einen Schluck zu Verkosten bekam. Das Etikett des Siegers hatte ich noch nie zuvor gesehen: Le Pin! „Das ist ein kleines Weingut in Pomerol, das meinem Neffen Jacques und mir gehört,“ erläuterte Gérard Thienpont. 1979 sei der erste Jahrgang.
In Pomerol suchte ich in den folgenden Jahren vergeblich nach einem Hinweisschild, das den Weg zu einem Weingut namens Le Pin hätte weisen können. Erst die detaillierten Erläuterungen von Alexandre Thienpont, seit 1985 Verwalter von Vieux Château Certan, der sich seitdem nebenher auch um die Weinberge von Le Pin kümmert, führten mich zu einem kleinen, von Pinienbäumen umgebenen Häuschen, in dessen Schuppen brandneue Eichenfässer lagerten. Ich kostete den Jahrgang 1982 und war schlichtweg von den Socken – der Wein schmeckte großartig! Aufgrund des kleinen Gebäudes nannte man Le Pin bald einen Vin de Garage
Anfangs umfasste die Rebfläche gerade einmal 10.600 Quadratmeter. Nach Zukäufen in den 1980er und 1990er Jahren verdoppelte sich das Areal auf gut zwei Hektar. Im Jahr 2011 wurde das futuristisch anmutende neue Kellereigebäude von Le Pin in Betrieb genommen, das die belgischen Architekten Robbrecht & Daem geplant hatten.

