Deutschland

Die Erfolgsgeschichte des Rieslings an der Nahe

Lange fragte sich alle Welt, wieso die Nahe als Weinbaugebiet relativ unbekannt war, obschon der englische Buchautor Hugh Johnson sie in seinem Weinatlas schon vor Jahrzehnten als „Herkunft einiger der besten Weißweine der Welt“ gepriesen hat und die Naheregion mit 4.200 Hektar Rebfläche heute sogar um ein Drittel größer ist als der benachbarte Rheingau. Es gibt gute Gründe, die Nahe zu den klassischen Regionen zu zählen, denn umgeben von Mosel, Rheingau, Rheinhessen und Pfalz liegt sie gewissermaßen im Herzen des deutschen Weinbaugebietes.

Die Anfänge indes waren eher bescheiden.  Zu Beginn des 19. Jahrhunderts umfasste die Rebfläche des Weinbaugebietes entlang des Flusses gerade einmal tausend Hektar und war damals – nicht zuletzt unter dem Einfluss Napoleons Besatzungstruppen – fast vollständig mit roten Traubensorten bestockt. Nach der Vertreibung der französischen Truppen durch General Blücher wurde die linke Flussseite der Naheregion beim Wiener Kongress im Jahres 1815 dem Königreich Preußen zugeschlagen und damit südlichster Teil der preußischen Rheinprovinz, während die rechte Seite am Mittellauf der Nahe nun zum Königreich Bayern zählte und das Stück zwischen Kreuznach und Bingen dem  Großherzogtum Hessen zugeteilt wurde, dem heutigen Rheinhessen. Diese Zersplitterung des Gebietes bot natürlich nicht die ideale Basis für die Schaffung einer homogenen Naheregion.

Ende des 19. Jahrhundert zerstörte die Reblausseuche, die in praktisch allen Weinbauregionen Europas verheerende Spuren hinterließ, auch die Weinberge an der Nahe. Das Gros der Reben wurde entfernt und durch Reblaus-resistente Pfropfreben ersetzt, nun in erster Linie mit weißen Traubensorten. Weit verbreitet war damals der sogenannte Gemischte Satz weißer Rebsorten: Neben sortenrein mit Riesling bepflanzten Weinbergen, standen Silvaner, Gewürztraminer und Elbling in vielen Parzellen mit dem Riesling im bunten Sortengemisch.

Aufbruchstimmung an der Nahe

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Region in Aufbruchstimmung, wofür die Eröffnung der Weinbauschule in Bad Kreuznach im Jahr 1900 ebenso ein deutliches Zeichen war wie die Gründung der Königlich-Preußischen Staatsdomäne in Niederhausen wenige Jahre danach. Zu dieser Zeit wurden die Weine aus dem Nahetal in der Regel noch als „Rheinweine“ verkauft, denn schließlich mündet die im westlichen Hunsrück entspringende Nahe bei Bingen in den Rhein. Erst in einer minsteriellen Anordnung des Jahres 1934, dem so genannten Reichsnährstand, kam der Nahegau als eigene Weinbauregion vor. Das war auch nicht weiter tragisch, denn so lange der überregionale Verschnitt erlaubt war, wurden viele Naheweine im Fass in die Nachbarschaft geliefert: Den barocken Pfälzer Weinen verliehen sie Frische und manch leichtem Möselchen etwas mehr Körper.

Verdoppelung der Rebfläche

Bis zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts hatte sich die Rebfläche zwar mehr als verdoppelt, doch machte der gemischte Satz nur noch die Hälfte des Rebbesatzes aus und verschwand bis zum Jahr 1950 fast vollständig, während Silvaner und Riesling dominierten. Nach dem zweiten Weltkrieg stand dann die Erzeugung von lieblichen Prädikatsweinen im Fokus, was angesichts eher kühler Witterungsverhältnisse mit den Klassikern kaum zu gewährleisten war. Der zwischenzeitliche Erfolg durch neu gezüchtete, früh reifende Rebsorten à la Huxelrebe und Bacchus war jedoch nur von kurzer Dauer.

Mit der kulinarischen Revolution in den 1980er Jahren stieg auch in Deutschland die Nachfrage nach guten trockenen Weinen. Es war die Zeit, als verschiedene Weinskandale den unzutreffenden Eindruck vermittelten, fruchtig-süße Weine seien grundsätzlich manipuliert. Aufgrund ihrer vorzüglichen Eignung zu gutem Essen schlug damals die Stunde der weißen und roten Burgundersorten, die sich bis zum heutigen Tag auf stetem Erfolgskurs befinden. Noch maßgeblicher für das steigende Ansehen des Gebietes war allerdings die Renaissance des Rieslings, der seit Beginn der 1990er Jahre seine Position massiv ausgebaut und in den Spitzenlagen der Region seine ideale Heimat gefunden hat.

Vielfalt des Terroirs

Die heutigen Grenzen des Weinbaugebietes Nahe wurden erst nach einer Verwaltungsreform Ende der 1960er Jahre exakt definiert. Lange pflegte die offizielle Weinwerbung in ihren Broschüren das Image vom „Probierstübchen der deutschen Weinlande, womit man auf die große Vielfalt von Bodentypen hinweisen wollte, was aber die Schaffung eines eigenständigen Gebietsprofils erschwerte. An der Nahe gibt es insgesamt 180 verschiedene Terroirs. Am Oberlauf der Nahe findet man zwischen Monzingen und Traisen vorwiegend felsige Gesteinsböden vulkanischen Ursprungs, im Mittelteil rund um Bad Kreuznach domineren Löß und Lehm und an der unteren Nahe zwischen Langenlonsheim und Bingen geben Ton, Quarzit und Schiefer die Stilistik vor.

Historische Lagenklassifikation

Interessant ist die lange in Vergessenheit geratene Tatsache, dass es an der Nahe vor mehr als hundert Jahren eine offizielle Lagenklassifikation gab, die sich an der Grundsteuer für die jeweilige Parzelle orientierte und in drei Stufen gegliedert war: Für einfachere Lagen waren 15 bis 120 Silbergroschen je Morgen zu entrichten, auf Weinberge der gehobenen Kategorie entfielen 150 bis 240 Silbergroschen, während für die besten Parzellen 360 bis 600 Silbergroschen fällig waren.

Diese Systematik wurde im Jahr 1901 in einer „Nahe-Weinbaukarte für den Regierungsbezirk Coblenz“ dokumentiert, worauf die wenigen dunkelrot eingefärbten Spitzenlagen deutlich zu erkennen waren. Da nicht davon auszugehen ist, dass sich vor hundert Jahren irgendein Winzer darum beworben hat, freiwillig den höchsten Steuersatz zu zahlen, dürften  die damals vorgenommenen Einstufungen dem tatsächlichen Ertragswert der Weinberge entsprochen haben. Diese alte Lagenkarte schlummerte lange im Verborgenen, bis sie Mitte der 1990er Jahre wieder entdeckt und von den Prädikatsweingütern der Nahe (VDP) neu aufgelegt wurde. Ein Textband gab überdies interessante Aufschlüsse über die seinerzeitige Entstehungsgeschichte der Karte. Etwa, dass „aus jeder Gemeinde ein wohl instruirter, mit den örtlichen Verhältnissen genau vertrauter tüchtiger Landwirt hier auf dem Bureau Auskunft ertheilte“ und dass die Fertigstellung der Karte beinahe an mangelnden Finanzen gescheitert wäre.

Die neue Klassifikation des VDP-Nahe

Die Spitzenerzeuger der Nahe machten sich die Lehren der historischen Karte zu eigen und beschlossen im Stile einer französischen Herkunftsregelung eine Klassifikation, die strikte Selbstbeschränkungen beinhaltete: In ihrem Lagen-Statut von 1997 legten sie fest, dass zukünftig nur noch Rieslingsweine aus den besten Weinbergen mit Lagenbezeichnung versehen werden dürfen. Weine aus allen anderen Rebsorten werden ohne Lagenbezeichnung angeboten werden, was auch für die Burgundersorten gilt, selbst wenn sie aus einer der „Grand-Cru-Lagen“ stammen. Darüber hinaus müssen die stets von Hand gelesenen Trauben in jeder Qualitätsstufe von deutlich höherer Güte sein als es das Gesetz verlangt und die Erträge dabei extrem niedrig bleiben. Alle VDP-Lagenweine müssen neben der amtlichen Qualitätsweinprüfung eine zusätzliche, interne Blindverkostung durchlaufen.

Im Jahr 2003 wurde das „Große Gewächs“ als trockener Spitzenwein aus den besten Lagen etabliert, 2008 folgte die Festlegung so genannter Geschmackskorridore. Seitdem sind Qualitätsweine stets trocken, Kabinettweine feinherb mit dezenter Restsüße, Spätlesen deutlich fruchtiger und Auslesen/Beeren- und Trockenbeerenauslesen immer edelsüß. Gemäß dieser Klassifikation werden die besten Weinberge der Naheregion ab Jahrgang 2012 als VDP.Große-Lagen gekennzeichnet. Im Jahr 2014 kam mit der VDP.Ersten-Lage eine weitere Kategorie hinzu, die ebenfalls für den Riesling reserviert ist und ähnlich strengen Kriterien unterliegen wie die Großen Lagen; die übrigen Weine werden als Orts- oder Gutsweine vermarktet. Inzwischen folgen immer mehr Nahewinzer auch außerhalb der Prädikatsweingüter dem Vorbild der VDP-Kollegen, weil sie sich davon eine Profilierung ihres vorher oft unübersichtlichen Angebotes versprechen.

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Eine Serie exzellenter Jahrgänge

Ein Blick auf die Jahrgangstabelle belegt, dass sich die Erzeuger an der Nahe über die Güte der letzten dreißig Jahrgänge nicht beklagen dürfen. Abgesehen von Ausnahmen wie 1991, 2000 und 2006 bescherte ihnen die Natur mit verblüffender Regelmäßigkeit einen guten Jahrgang nach dem anderen. Hier wirkt sich die globale Erderwärmung ausnahmsweise einmal positiv aus, welche die Trauben deutlich früher reifen lässt. Daneben zahlt sich heute aber auch die bessere Ausbildung der nachrückenden Generation aus, die mehr auf Qualität und weniger auf Quantität setzt. Sie haben diese erfolgreiche Phase dazu genutzt, ihre Weine mit besseren Preisen am Markt zu positionieren.

Deutlicher Beleg für das gestiegene Selbstbewusstsein der Naheregion sind auch die Versteigerungsresultate der Prädikatsweingüter in Bad Kreuznach. Im herrlichen Ambiente des Museums Römerhalle, welches in den 1970er Jahren vor allem für die Zurschaustellung zweier großartiger Mosaikböden einer römischen Palastvilla erbaut wurde, erreichen Nahe-Rieslinge inzwischen Preise, wie man sie früher nur von den Versteigerungen in Kloster Eberbach und Trier kannte.

Strukturwandel an der Nahe

In den drei letzten Jahrzehnten hat sich im Kreis der Prädikatsweingüter an der Nahe ein bedeutender Strukturwandel vollzogen. In dem 1910 ursprünglich unter dem Namen „Versteigerungsring der Nahegüter“ gegründeten VDP beherrschten lange die großen Bad Kreuznacher Weingüter August Anheuser, Paul Anheuser und Reichsgraf von Plettenberg das weinbauliche Geschehen, was sich ab den 1980er Jahren ändern sollte. Noch vor der Jahrtausendwende verließen alle drei Güter die Vereinigung und kleinere Familienbetriebe rückten nach: Hans Crusius in Traisen, Prinz zu Salm-Salm in Wallhausen, Schlossgut Diel in Burg Layen und Hermann Dönnhoff in Oberhausen stießen in dieser Zeit ebenso zu den Prädikatsweingütern, wie später Kruger-Rumpf in Münster-Sarmsheim, Emrich-Schönleber in Monzingen und Schäfer-Fröhlich in Bockenau. Nachdem die Staatsdomäne in Niederhausen bis in die 1980er Jahre Maßstäbe gesetzt hatte, wechselte das Gut nach der Privatisierung im Jahr 1998 zweimal den Besitzer, bevor es 2009 unter neuer Firmierung als Gut Hermannsberg in den VDP zurückkehrte. Als jüngstes Mitglied wurde im Herbst 2013 das Weingut Joh. Bapt. Schäfer in Burg Layen aufgenommen, womit der kleine Winzerort im Trollbachtal heute als einzige Gemeinde der Naheregion zwei Prädikatsweingüter beheimatet. 

Die Besonderheit des Nahe-Rieslings

Lange sagte man den Naheweinen nach, sie seien nicht spezifisch genug, bestenfalls betrachtete man sie als gelungenes Zwischending von Rhein und Mosel, was rein geographisch betrachtet ja auch stimmt. In Kennerkreisen hat sich aber längst die Erkenntnis durchgesetzt, dass die besten Naheweine es im Hinblick auf Finesse, Fruchtdichte und Langlebigkeit mit den besten Rieslingen des Landes aufnehmen können, sie vielleicht sogar übertreffen. Es stimmt allerdings, dass sie je nach Lage und Bodenausprägung sehr unterschiedliche Charakterzüge aufweisen können, die auch an ihre Nachbarregionen erinnern: die Rasse der Mosel, die Eleganz des Rheingaus und die Kraft der Pfalz. Es ist die verblüffende Symbiose all dieser Elemente, die heute den einzigartigen Charakter des Nahe-Rieslings ausmacht.

In den letzten Jahren eilen die VDP-Winzer der Nahe von Erfolg zu Erfolg: Beim allgemein als schwierig apostrophierten Jahrgang 2000 war der amerikanische WineSpectator sicher, dass „niemand in Deutschland bessere Weine auf die Flasche brachte als die Nahe“. Bereits drei Mal stellte die kleine Weinbauregion den „Winzer des Jahres“ im Gault Millau WeinGuide Deutschland und bei dem vom Magazin Feinschmecker ausgeschriebenen Wettbewerb um den besten trockenen Riesling des Landes kam der Sieger innerhalb von neun Jahren sechs Mal von der Nahe. Im Jahr 2009 stammten gar vier der fünf bestplatzierten Weine aus dem beschaulichen Nahetal. Dazu passt, dass der berühmte Weinkritiker Robert Parker vier VDP-Winzer von der Nahe zur Weltelite rechnet.

* Armin Diel war von 1993 bis 2016 Vorsitzender der Prädikatsweingüter an der Nahe und von 2007 bis 2019 Vizepräsident des VDP-Bundesverbandes.

Fotos: Armin Diel